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Wir Schüler*innen sind über das Thema „sexualisierte Gewalt“ vollumfänglich aufgeklärt, denn es wird ja an den Schulen ausreichend behandelt, oder?

Leider können wir dem nicht aus voller Überzeugung zustimmen. Nachdem wir zunächst ein wenig um den heißen Brei herum geredet haben, haben wir in unserer Sitzung festgestellt, dass diesesThema im Sexualkunde-Unterricht wenig umfassend gelehrt wird.

Zum einen versuchen unsere Lehrer*innen, das Thema Sexualität in jedem Sinne sowissenschaftlich wie möglich zu erklären. Beim Thema sexualisierte Gewalt jedoch kommt es ganzauf die Motivation unserer Lehrer*innen an.

Wenn es nun aber doch dazu kommt, dass im Rahmen dieses Unterrichts die sexualisierte Gewaltzur Sprache kommt, so ist das Thema oft auf diese Fragen fokussiert: Wie können sich Mädchenschützen? Wie sollten sie sich im Falle eines Falles verhalten und wo können sie sich Hilfe suchen?

Das ist wichtig. Aber es reicht nicht. In unseren Gesprächen ist uns aufgefallen, dass sich die Aufklärung oft nicht nur inhaltlich auf Mädchen begrenzt, sondern leider auch nur an sie, separiertvon ihren Klassenkameraden, weitergetragen wird. Das ist vielleicht erst einmal naheliegend, da der Großteil der Opfer weiblich sind. Aber auch Jungs werden Opfer sexualisierter Gewalt, ein Thema, das oft mit Scham behaftet ist. Gleichzeitig sind die meisten Täter*innen männlich – auch odervielleicht gerade darum ist es wichtig, dass alle über das Thema sprechen. Sexualisierte Gewaltbetrifft alle Geschlechter, als potentielle Opfer, Täter*innen oder deren Umfeld. All sie müssensensibilisiert werden, um Übergriffen vorbeugen zu können und im Zweifelsfall richtig reagieren zukönnen. Gefährliche Mythen, zum Beispiel dass Übergriffe durch das Tragen anderer Kleidungabgewehrt werden können oder dass Jungs keine Opfer werden können, müssen dringend abgebautwerden. Nur so kann verhindert werden, dass Victim-Blaming oder Scham Betroffene zumSchweigen bringen.

Aufklärung über sexualisierte Gewalt darf sich außerdem nicht darauf begrenzen, wie man sichpotentiell während und nach übergriffigen Situationen verhält. Nicht umsonst ist der Name dieser Veranstaltung ‚Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen‘, Vorbeugung also.

Laut dem Bundesbeauftragten für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen findetMissbrauch vor allem im nahen sozialen Umfeld statt. Das macht Situationen für Betroffene oftweniger fassbar, Täter*innen weniger angreifbar. Während Übergriffe auf offener Straße von außenoft viel eindeutiger als Gewaltsituationen eingeordnet werden, scheinen sie im engen Umfeldverdeckter zu sein. Während unbekannte Täter*innen von Angehörigen einfacher als bedrohlichwahrgenommen werden, werden bekannte Täter*innen zu oft vom engen Umfeld gedeckt. Darumist es wichtig, zu behandeln, dass sexualisierte Gewalt immer Gewalt ist, egal wo und durch wen. Dass es wichtig ist, Betroffene ernst zu nehmen, auch wenn sich der oder die Täter*in im eigenen Freundeskreis befindet.

Sexualisierte Gewalt hat viel mit Grenzen zu tun. Übergriffigkeit bedeutet, die Grenzen eineranderen Person zu überschreiten. Unsicherheit und Unwissenheit führen dazu, dass manche nichtwissen, ob Situationen wirklich falsch sind, wenn sie sich falsch anfühlen. Ob nicht vielleicht dochsie selbst das Problem sind, anstatt der Täter*innen. Als junger Mensch gerät man häufig ungeahntin brenzlige Situationen. Da würde es helfen, wenn vorher jemand „Tacheles" mit einem geredethätte. Unser Appell an alle Lehrenden lautet daher: Nehmen Sie bitte kein Blatt vor den Mund! Vielleicht ist es uns Schüler*innen in diesem Moment peinlich, über Sexualität und alles damitzusammenhängende zu sprechen. Aber im Ernstfall hätte vielen eine ausführlichere Aufklärungwomöglich geholfen.

Zu dieser ausführlicheren Aufklärung gehört zum Beispiel das Wissen über die persönlichen Grenzen, das Selbstbewusstsein, diese zu äußern und die Kenntnis, dass es falsch ist, wenn jemanddiese Grenzen überschreitet. Umgekehrt ist es natürlich wichtig, zu lernen, die Grenzen andererMenschen zu respektieren. Nein heißt nein, so banal das auch klingen mag, aber leider ist es nichtselbstverständlich. Konsens ist ein weiteres Stichwort, Einvernehmlichkeit.

Es mag manchen unangenehm vorkommen, darüber zu lehren. Zu persönlich und zu intim. Aber Wissen ist Macht. Täter*innen wissen oft genau, was sie tun und profitieren davon, wenn ihre Opfernicht richtig einordnen können, was ihnen eigentlich widerfährt. Dies betrifft vor allem junge Menschen.

Sexualkunde darf sich nicht nur auf Meiose und Mitose begrenzen. Tabus dürfen nicht dazu führen,dass nicht über sexualisierte Gewalt geredet wird.

Erklären Sie, dass jeder Opfer dieser Form von Gewalt werden kann und dass das nichts ist, wofür man sich schämen muss. Machen Sie klar, dass sexualisierte Gewalt definitiv eine Art von Gewaltist, die man anzeigen und der man nachgehen muss. Helfen sie ihren Schüler*innen, das Thema inall seinen Nuancen zu erfassen und ernst zu nehmen. Lehren sie, eigene Grenzen zu ziehen undandere Grenzen zu achten.

Wir sind dankbar für alle Lehrer*innen und Pädagog*innen, die sich trotz der Tabus und der Sensibilität dem Thema ‚Sexualisierte Gewalt‘ annehmen und junge Menschen vernünftigaufklären. Wir wollen sie ermutigen, darüber zu reden und zu lehren, sei es imSexualkundeunterricht, an Infotagen oder in Klassenleiterstunden. Ich hoffe, sie wissen, dass siedamit vielen jungen Menschen helfen.

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